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Vergangenheit

Familienbande

Mein Vater war ein Tyrann, dem ich weitgehendst aus dem Wege ging. Sein Anteil am Familienleben beschränkte sich auf die Ausübung seines Beruf, dem er sehr gewissenhaft nachging und mit dem er als Alleinverdiener finanziell für uns alle sorgte und darauf, uns ebenso gewissenhaft zu ignorieren, solange alles um ihn herum reibungslos und seinen Erwartungen entsprechend ablief. Zur Kenntnis nahm er uns erst dann, wenn einer von uns aus der Reihe tanzte, es in der Schule nicht klappte oder wir gar in dem winzigen Rahmen, den wir uns überhaupt getrauten, aufmümpfig wurden. Dann stieg er von seinem Thron weit über uns herab, plusterte sich auf und brüllte uns an, dass sie Wände wackelten. Nicht die Lautstärke war es, die mir weh tat und mich einschüchterte, sondern der Inhalt seines Geschreies, welcher herabsetzend, verletzend, entwürdigend, ja geradezu vernichtend war.

Enttäuschung. Immer war von Enttäuschung die Rede. Davon, dass ich den Erwartungen und Hoffnungen meiner Eltern nicht gerecht werde, dass sie von mir anderes, besseres erwartet hätten. Davon, dass ich undankbar sei und ihre Bemühungen, mir ein besseres Leben als das ihre zu ermöglichen, mit Füßen trete. Davon, dass ich die ganze Familie mit meinem Verhalten besudele, dass die Leute auf mich, auf uns alle, zeigen werden, voller Spott und Häme. Und dann, wenn er gebrüllt und getobt hatte, bis ihm die Stimme versagte, wenn er erschöpft zusammensank und sich an sein schwaches Herz griff und wenn meine Mutter mir einen entsetzten Blick zugeworfen hatte und mich mit bitterster und bittender Stimme zugleich - ich kenne niemanden sonst, der diese anklagende und gleichzeitig flehende Mischung so gut beherrscht - zurecht wies, weil mein Vater sich wegen mir so aufregen musste - wo er doch aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit überhaupt gar keine Aufregung vertrage - kam das Schweigen. Versteinerte Mienen. Schweigen. Stundenlang. Tagelang. Wochenlang. Schweigen. Als wäre ich gar nicht da. Als gäbe es mich nicht. Als wäre mein Anblick zu beleidigend, um mich überhaupt noch wahrzunehmen.

Nach einiger Zeit, Tagen oder Wochen, wich die versteinerte Miene wieder dem mäßig interessierten Alltagsgesicht und die absichtliche Nichtbeachtung wurde wieder zu der tatsächlich desinteressierten. Alle taten so, als wäre nichts gewesen, auch die Wunden, von demütigenden Worten geschlagen, taten so, als wären sie nicht vorhanden.

 

13.4.07 11:45


Klaglos geboren

Ich war ein artiges, anspruchsloses und überaus angepasstes Kind. Ich redete nur, wenn ich sicher sein konnte, dass Reden erlaubt war, hampelte nicht beim Essen herum, gab niemals Widerworte, machte, was man mir sagte und auch das, was man mir nicht sagte, von dem ich jedoch wusste, dass es von mir erwartet wurde. Meine Mutter war sehr stolz darauf, dass die Leute mich immer als das besterzogenste Kind nannten, dass sie kannten. Und sie brachte mir bei, Erwachsenen nicht nur die Hand zu geben und in aller Höflichkeit "Guten Tag" zu sagen, sondern überdies auch noch einen albernen "Hofknicks" zu machen. Dass das einfach nur lächerlich war und die damit Bedachten eher irrtiert als erfreut lächelten, bemerkte sie scheinbar nicht, sie sonnte sich in dem Erstaunen und den Bemerkungen, was für ein freundliches Kind ich doch sei. Und ich freute mich an ihrer Freude, denn allzu viel Freude schien meine Mutter nicht zu haben, denn sie klagte oft, weinte oft, betonte, wie sehr sie sich doch aufopfere und wie wenig sie dafür zurück bekäme. Und wagte ich einmal, aus Versehen oder mit Absicht, mich gegen irgendetwas aufzulehnen, und sei es nur, ein fettes und kalorienreiches Essen zu verschmähen, welches sie mit Liebe und unter Mühen zubereitet hatte, wurde ich vor die tränenreiche Frage gestellt, ob das der Dank sei für alles, was sie für mich, und nicht nur für mich, sondern für die ganze Familie tue.

Heute, nach all den Jahren, denke ich, dass meine Mutter krank war und ist. Sie hat auf ihre Art nach Aufmerksamkeit, Bestätigung und Liebe gesucht, denn gearbeitet hat sie mit dem ersten Kind von vieren niemals mehr. Ihr blieben nur Haushalt, Kinder und ein überaus tyrannischer Ehemann, der, ganz die alte Schule, das Sagen hatte und dessen Wohl und Wohlgefühl an erster Stelle standen. Und so stürzte sie sich geradezu verbissen in ihre Pflichten und sich selbst und uns Kinder gleich mit ins Elend und ins lebenslängliche Unglück.

Ich war ein pflegeleichtes, angepasstes, ängstliches und anspruchsloses Kind und eine ebensolche erwachsene Frau. Ich lebte das, was andere von mir erwarteten, was sie als angemessen und erstrebenswert empfanden. Ich gab mich auf, noch bevor ich mich wirklich kannte, noch bevor ich auch nur die leiseste Ahnung hatte, wovon ich, ja ICH selbst, träumte. Und dann traf ich auf diesen Mann - und belog ihn. Ich werde ihn verlieren, an dem Tag, an dem ich ihm die Wahrheit, meine Wahrheit, sagen und alle die Lügen, die er jetzt noch für wahr hält, aufdecken werde. Und doch wird dieser Tag nicht mein Untergang sein, sondern nur ein weiterer Schritt ins Leben. Mein Leben. Endlich wirklich meines.

 

12.4.07 13:29




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